Viel Wind um nichts

Als gäbe es rings um den Erdball nicht genug Stunk, Kriege und ernsthafte Konflikte, zoffen sich hierzulande zwei Journalisten öffentlich wegen eines dämlichen Satzes. Der besteht aus fünf Wörtern und lautet: Die Welt ist eine Google.

Mit diesem Satz hat der Journalist Marco Dettweiler, der sich selbst als seriös bezeichnet und unter dem skurrilen Kürzel “made” schreibt, einen Artikel in der FAZ eingeleitet. So weit, so banal.

Besagter Artikel erschien am 06.08.08 und wäre einen Tag später wahrscheinlich schon wieder weitestgehend in Vergessenheit geraten gewesen, hätte ein Blogger, Schriftsteller, Journalist und – das scheint in der nachfolgenden Diskussion im Web aus mir unverständlichen Gründen von besonderer Bedeutung zu sein – Ingeborg-Bachmann-Preisträger namens Peter Glaser ihn nicht am nächsten Tag – routinemäßig, wie er sagt – angelesen. Weit kam er dabei nicht, weil ihm schon der erste Satz sauer aufstieß.

Der ist, behauptet Peter Glaser (zu Unrecht, wie sich wenig später zeigen sollte), nämlich seinem Genius entsprungen. Dass sein Wortspiel mir-nix-dir-nix in der FAZ gelandet ist, freut ihn, behauptet er. Aber, findet er, der Satz (wir reden noch immer von fünf Wörtern, von denen eines eine Marke ist, die keinem der beiden gehört) hätte als Zitat gekennzeichnet werden müssen.

Normalerweise, sagt Herr Glaser, hält er sich “mit solchen Dingen nicht weiter auf”, was vernünftig klingt. Welcher Teufel ihn geritten hat, dass er sich in diesem Fall sehr wohl damit aufhielt, weiß er womöglich selbst nicht – zumindest schweigt er sich darüber aber aus.

Er schreibt also Marco Dettweiler eine E-Mail, um den Übeltäter auf seinen vermeintlichen Fauxpas hinzuweisen – mit freundlichen Worten, das muss gesagt werden, aber auch einer Spur Überheblichkeit. Nachzulesen ist diese Mail – er scheint sie für hinreichend wichtig zu halten – in seinem Blog.

Herr Dettweiler, auch nicht faul und von Herrn Glasers Mail offenkundig schwer irritiert, schreibt – ebenso offenkundig – genervt zurück. Auch diese Antwort-Mail findet sich – erstaunlicherweise, weil sie ja eigentlich unter das Postgeheimnis fällt, möchte man meinen – ebenfalls ganz öffentlich in Herrn Glasers Blog.

Herrn Dettweilers Mail trieft von Arroganz, keine Frage, was Herrn Glaser, so von oben herab abgekanzelt, dazu verleitet, sich – entgegen seiner grundsätzlichen Haltung, sich “mit solchen Dingen nicht lange aufzuhalten” – lang und breit damit auseinanderzusetzen.

Im Gegensatz zu Millionen anderen Blogs wird der von Herrn Glaser von vielen gelesen, weshalb es nicht weiter verwundert, dass es Kommentare und Backlinks hagelt.

Nicht wenige der Kommentatoren verweisen auf den Umstand, dass Herr Glaser eine bekannte Person ist und – hier haben wir es wieder – immerhin vor Jahren den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten hat, und räumen ihm dafür einen gewissen Bonus ein, was zu einer vergleichsweise milden Beurteilung seiner – sagen wir mal – Überreaktion in Sachen Dettweiler führt, obwohl weder Frau Bachmann noch der nach ihr benannte Preis mit der Sache an sich das Geringste zu tun haben.

Es stellt sich aber auch heraus, dass Herr Glaser Herrn Dettweiler völlig zu Unrecht ans Bein gepinkelt hat, denn der Stein des Anstoßes mag zwar Herrn Glasers geistiger Erguss sein, weil er ihn vor dem  wortschöpferischen Augenblick womöglich nie zu Gesicht bekommen hat, neu ist der Satz aber nicht. Was über Google unschwer zu eruieren ist.

Es stellt sich außerdem heraus, dass Herr Glaser, der seinem Kontrahenten Dettweiler hämisch Halbwissen in Sachen Internet-Recherche vorwirft, darin selbst auch nicht mehr auf dem Kasten hat, dass er ihm aber, was Arroganz betrifft, in nichts nachsteht.

Wenn Sie sich die Zeit nehmen wollen, einen Sandkastenkrieg in der Entstehung zu beobachten, können Sie Herrn Glasers Traktat über Herrn Dettweiler und dessen Antwortmail auf seinem Blog nachlesen. Muss aber nicht sein. Es gibt Wichtigeres.

Einiges an der Geschichte ist aber doch bemerkenswert:

Erstens scheint Herr Glaser der Meinung zu sein, jeder Satz müsste von einem Journalisten vor der Veröffentlichung daraufhin überprüft werden, ob er nicht schon einmal anderweitig veröffentlicht wurde. Läge er mit dieser eigenwilligen Ansicht richtig, müssten wir fürderhin auf Zeitungen wohl verzichten – sie würden nie in angemessener Zeit fertig gestellt werden können.

Zweitens scheint Herr Glaser der Meinung zu sein, jeder banale Auswurf eines Schreibers wäre per se schützenswert. Wie viele Sätze  stünden – bei Milliarden bereits gedruckter Seiten in deutscher Sprache – einem Schreiber, der nicht “klauen” will, heute wohl noch zur Verfügung?

Drittens kann man sehen, wie virales Marketing funktioniert. Man braucht nur laut genug zu furzen, schon wird man zum Tagesgespräch im World Wide Web – und sei es auch nur im deutschen Teil.

Viertens erstaunt es, wie viele Blogger, die den digitalen Schlagabtausch zwischen Glaser und Dettweiler kommentieren, geflissentlich über Glasers absonderliches Verhalten hinwegsehen (immerhin war seine Mail  an Dettweiler, die die Lawine ins Rollen brachte,  so nötig wie ein Kropf), und dem Gegenspieler Dettweiler den Schwarzen Peter zuschieben, der doch letztlich nur reagiert hat. Dass er Glasers Mail als lästig bezeichnet, kann man durchaus verstehen. Man stelle sich nur mal vor, jeder, der einen Satz in der Zeitung findet, den er selbst schon einmal zu Papier gebracht hat, würde daraufhin eine Mail an den Autor schicken,  um sein (und sei es nur vermeintliches) geistiges Eigentum zu reklamieren.

Das mag zum einen daran liegen, dass da ein Journalist, ein Außenstehender also, sich mit einem “von uns” – einem Leitwolf obendrein – anlegt, wobei hier ebenso geflissentlich übersehen wird, dass auch Herr Glaser unter anderem als Journalist firmiert. Zum anderen geht man kein Risiko ein, wenn man mit dem Rudel heult – noch dazu gegen einen, der über keine Fangemeinde verfügt.

Dass Herr Glaser Herrn Dettweiler per Mail angestänkert hat, ist, so die vorherrschende Meinung in der Blogosphäre, sein gutes Recht. Dass Herr Dettweiler darauf – zugegeben von oben herab – reagiert hat, ist schlicht eine Unverschämtheit. Denn Glaser ist wer, Dettweiler nicht. Schöne Logik!

Hat sich Herr Glaser  mit seinem Sandkastenkrieg einen Gefallen getan? Schwer zu sagen.  Auf jeden Fall hat er damit Aufmerksamkeit auf sich gezogen, was in einer Aufmerksamkeitsgesellschaft wie der unseren womöglich nie verkehrt ist.

Er hat aber auch einiges hinter die Löffel bekommen, von – wenn auch wenigen – Leuten die, trotz Bachmann-Preis und Wichtigkeit, die Causa nach Lage der Fakten beurteilen und nicht vor Ehrfurcht kniend.

Für den Fall, dass Sie nicht wissen, wofür Herr Glaser anno 2002 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten hat, sei’s hier erwähnt: für seine Erzählung Geschichte von Nichts.

 

Mehr dazu:

depressivekitten.de: ich bin quietschvergnügt.

Profiblogger.com: Wie kommt man bei Google nach oben?

assiprinz.de: Glaser vs. Dettweiler

pro demokratie: krieg und echte männer!

lumma.de: Ich habe gewonnen

mako in blogschrift: Die lieben Kollegen von der anderen Straßenseite

taz.de: Automatisch abgekupfert

Bremer Sprachblog: Googlewelt

Telepolis: Die FAZ und das “Geistige Eigentum”

jo$ blog-o-matic: Nichts ist so spannend

readers-edition.de: Die Welt ist ein Glaser

nicht-spurlos.de: Marco Dettweiler wird zum Selbstläufer

hype2.de: “Die Welt ist eine Google” und “minderbepimmelt”

sichelputzer.de: Warum wir Mails ins Netz stellen?

kilroy-pr.de: Wenn Journalisten bloggen, Blogger missverstehen und das auch noch öffentlich austragen

dennis-knake.de: Ach du dickes Ei

basic thinking blog: Blog-Klatsch: Die Welt gehört mir

sichelputzer.de: Die Welt ist ein Journalismus

fallobst.wordpress.com: Fremdschämen

medienlese.com: “Lassen sie seriöse Journalisten in Ruhe”

pi-news.net: Blogger belästigt seriösen Journalisten!

rivva.de: Marco Dettweiler, “seriöser Journalist”

onezblog.de: Die Welt ist eine Google

sierralog.com: seriöse Journalisten kämpfen gegen Journalisten

it-guerilla.de: Und sie bloggt sich doch!

wirres.net: „lassen sie seriöse Journalisten in Ruhe“

Gelsenkirchen Blog: “seriöse Journalisten”!?

blog.nz-online.de: Journalisten: je seriöser, desto pampiger

spreeblick.com: … aber lassen Sie seriöse Journalisten in Ruhe

rechtzweinull.de: Rechtliche Zulässigkeit der Veröffentlichungen von E-Mails im Internet

helge.at: Meine Mail-Blogability-Policy


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6 Responses to “Viel Wind um nichts”

  1. Das ist der beste Beitrag, den ich bisher dazu gelesen habe! Danke schön!

    Antworten

  2. [...] Das hier ist meiner Meinung nach der gescheiteste Artikel zu dem Ganzen und auch wenn ich geschrieben habe, [...]

  3. [...] Reality Check: Viel Wind um nichts [...]

  4. [...] (*gähn*) wird die ganze Sache nochmals beleuchtet. Sehr schön wird das Thema hier entlarvt. « Oh nein! Hab ich mich jetzt strafbar [...]

  5. [...] Viel Wind um nichts [...]

  6. [...] Viel Wind um nichts [...]

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